Wo die Menschlichkeit bedroht ist

„Wo die Menschlichkeit bedroht ist, sind auch bald Menschen bedroht“ war eine charismatische Aussage von Claudia Roth in einem Interview bezüglich der Flüchtlingskrise vor ein paar Monaten.

Eine Aussage, der jeder vermutlich sofort intuitiv zustimmen würde. Aber was gibt diese Idee unter einem technisch analytischen Gesichtspunkt her?

Wollen wir uns annähern indem wir die Aussage ausprobieren „wo Menschliches bedroht ist, sind auch bald Menschen bedroht“. Diese Assoziation funktioniert wohl nicht ohne weiteres, denn das Adjektiv menschlich umfasst vieles. Natürlich menschliche Hilfsbereitschaft, menschliches Miteinander, menschliches Schaffen, menschliche Begegnung; aber halt auch menschlicher Hass, menschliche Gier, menschlicher Neid oder menschliche Aggression.

Und ich denke an dieser Stelle wird wieder deutlich, dass im Substantiv Menschlichkeit alle negativen Erscheinungen und Auswirkungen menschlichen Handelns und Seins ausgeklammert werden und nur das im Menschen veranlagte moralische Ideal zum Ausdruck gebracht wird.

ALLE negativen Erscheinungen sind ausgeklammert – Menschlichkeit ist ein Absolutum. Es beschreibt die in wohl jedem Menschen veranlagte Fähigkeit zu moralischem Idealverhalten und das heißt zu einem Idealverhalten im Kontext einer menschlichen Gemeinschaft.

Eine menschliche Gemeinschaft kann sehr viel Leid erzeugen – „wo menschliches bedroht ist, sind auch bald Menschen bedroht“?

Nein, denn wo menschlicher Hass, menschliche Gier, Neid oder Aggression bedroht ist, sind nicht auch bald Menschen bedroht. Diese Implikation ist nicht folgerichtig.

Allerdings, wo Menschlichkeit, also die menschliche Fähigkeit zu moralischem Idealverhalten in menschlicher Gemeinschaft bedroht ist, da sind sehr wohl bald Menschen bedroht, durch menschliche Veranlagungen, die Mitmenschen gefährlich werden können.

Ist das Absolutum der Menschlichkeit in Gefahr, das alles negativ Menschliche ausklammert,  kommen eben auch und vielleicht v. a. die menschlichen Veranlagungen zum Tragen, die zur Gefahr für andere werden können.

Vielleicht lässt sich Claudia Roths Aussage auch so interpretieren: „Wo das alles andere verdrängende Absolutum, in menschlicher Fähigkeit veranlagte moralische Idealverhalten – die These wird hier vertreten das ist Menschlichkeit – bedroht ist, es verleitet auch zu sagen bedroht wird, und dadurch alles Menschliche in Erscheinung tritt, auch die menschliche Fähigkeit zu moralischer Verfehlung, da sind auch bald Menschen bedroht.“

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